Zeitnot und unliebsame Aufgaben – für die meisten ist das die ultimative Kombination, aus der Stress entsteht. Aber was ist Stress überhaupt? Welche Erklärungsansätze gibt es dafür und existiert vielleicht auch positiver Stress? Wir gehen dieser Frage nach und bringen euch das Thema ein Stück näher.

Erklärungsansätze - Was ist Stress?

Ein jeder, der ein Buch über Stressmanagement, Bewältigungsstrategien oder den Weg zur inneren Ruhe schreibt, kommt nicht um dieses Thema umher. Und so viele Bücher es gibt, so viele Definitionsansätze gibt es auch für den Begriff Stress. Nur wenige davon sind der Versuch einer umfassenden Beschreibung, sodass es keine tatsächlich Begriffsklärung gibt. Die ersten Versuche unternahmen Walter Cannon (Fight-or-Flight-Theorie) und Hans Selye Anfang des 20. Jahrhunderts. Letzterer beschrieb Stress als Sammelbegriff für dauernde oder sich ständig wiederholende Belastungen des menschlichen Organismus, welche auf lange Sicht zu Schädigungen führen können und meint damit vor allem Faktoren wie Kälte, Hitze, Krankheiten oder Einflüsse der Zivilisation. Er geht also vor allem auf physiologische oder physikalische Faktoren ein. Außerdem beschreibt sein Modell des „Allgemeinen Anpassungssyndroms“ als erstes die körperlichen Reaktionen auf akuten und langzeitigen Stress.

Aber gibt es auch eine mentale Komponente von Stress? Jeder, der schon einmal Stress erlebt hat (und das wird wahrscheinlich jeder sein), kann dies bestätigen. Hier versucht Becker einen Erklärungsversuch: „Psychischer Stress ist ein biochemischer Vorgang der nur im Kopf stattfindet, dieser wird hervorgerufen durch die Angst etwas nicht schaffen zu können bzw. nicht genügend Ressourcen zu haben eine Situation meistern zu können. Er wirkt nicht von außen auf eine Individuum ein, sondern entsteht immer nur in der gestressten Person selbst. (vgl. Becker, Klaus Jürgen, Erfolg ohne Stress, S.23, München: Verlag Peter Erd., 1990). Hier haben wir also bereits einen ganz entscheidenden Fakt gefunden.

Stress ist ein biochemischer Vorgang, der im eigenen mentalen System entsteht. Er wird immer nur von der gestressten Person selbst ausgelöst, nicht von anderen.

Und wenn man den Begriff einfach bei Google eingibt, erscheint folgende Erklärung: „Erhöhte körperliche oder seelische Anspannung, Belastung, die bestimmte Reaktionen hervorruft und zu Schädigungen der Gesundheit führen kann“. Aber das erscheint dann doch etwas einfach. Und selbst wenn man die richtige Definition gefunden hat stellt sich doch die Fragen: Was löst Stress denn eigentlich aus?

URSACHEN FÜR STRESS

Hier begeben wir uns dann auf die sprichwörtliche Suche nach dem ersten Tropfen im Ozean. Man kann keine tatsächlichen Ursachen für Stress finden, vor allem, da es sich um ein multifaktorielles Konstrukt handelt. Es gibt allerdings eine Vielzahl von potentiellen Auslösern, den sogenannten Stressoren.

• physikalische Stressoren – Lärm, Hitze, Kälte

• Leistungsstressoren – Über-/Unterforderung

• soziale Stressoren – Konkurrenz, Isolation, Freizeitstress

• körperliche Stressoren –  Schmerz, Hunger

Nun ist die Frage nach der Entstehung von Stress abhängig von der Frage, wie der Mensch auf einen jeweiligen Stressoren reagiert.
Jeder kennt wahrscheinlich folgende Situation: Einer Person im Raum ist kalt, der anderen ist warm. Ein Gegensatz, der nur schwer zu lösen ist und bei den beteiligten Personen oft zu Konfliktpotential führt. Schließt man das Fenster, ist einer Person nicht mehr kalt, aber die zweite schwitzt und hat das Gefühl, dass sie frische Luft braucht. Öffnet sie das Fenster wieder, geht der Spaß von vorn los. Es entsteht also bei gleichen physikalische Voraussetzungen eine völlig andere Stresssituation innerhalb der beiden Personen.

Lazarus hat 1974 ein Stressmodell entwickelt, welches genau diese und noch viele andere Situationen einer Entstehungserklärung unterzieht:

Stress entsteht also nur bei der Bewertung einer Situation und dem Feedback des eigenen Systems, dass man die vorliegende Situation mit seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten und nicht lösen kann. Hieraus entsteht auch der Ansatz der sogenannten Resilienz, die aktuell vielseitig besprochen wird. Man geht hier von der Fähigkeit der Menschen, sich selbst in die Verantwortung nehmen zu können und ihr Schicksal selbst in der Hand zu haben. Ist man von einer Situation also gestresst, dann obliegt es der Macht eines jeden, sich diesem Stress zu stellen und seine Widerstandskräfte und Ressourcen zu verbessern.

WAS PASSIERT BEI STRESS?

Wenn wir in eine Situation kommen, die zu einer körperlichen Anspannung führt, dann kommt es zu vielen verschiedenen Prozessen, welche abhängig von der Art und Intensität der Stressoren sind. die sich in drei große Phasen einteilen lassen:

A) AKUTER STRESS

Die vegetative Reaktion – den Teil unseres Nervensystems, den wir nicht willkürlich steuern können, nennt sich Vegetatives Nervensystem und setzt sich aus dem Sympathikus und dem Parasympathikus zusammen. Während der Parasympathikus für regenerative Prozesse, die Verdauung und auch die Entspannung zuständig ist, kümmert sich der Sympathikus um alle aktivierenden Prozesse im Körper. So beeinflusst er in akuten Situationen unseren Herzschlag und Blutdruck, die Atmung, den Blutzucker, die Energiefreisetzung und Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol („Stresshormone“). Nach Selyes „allgemeines Anpassungssyndrom“ befindet man sich bei akutem Stress in der „Alarmreaktionsphase“. Diese Phase hilft uns, Stressoren besser entgegenzutreten.

B) EPISODISCH AKUTER STRESS

Wir hören von unseren Klienten oft, dass es im Moment ziemlich stressig sei, aber es wäre nur noch kurze Zeit so. Hält eine Stressphase länger an, kann bereits eine erste negative Symptomatik entstehen: die Hemmung unseres Immunsystems. Nach Selye befinden wir uns in der „Widerstandsphase“. Der Körper versucht sich dem nicht endenden Stressreiz entgegenzustellen und fährt durch die langanhaltende Ausschüttung von Cortisol das Immunsystem runter, um noch mehr Energie in die Bewältigung zu stecken. In der Schifffahrt würde man sagen: „Volle Kraft voraus“; im Krieg: „Angriff ist die beste Verteidigung“. Entscheidend ist, dass die Widerstandsfähigkeit gegenüber anderen Stressoren dabei absinkt. 

C) CHRONISCHER STRESS

Wenn man es hierher geschafft hat, dann ist die Wahrnehmung oft apokalyptisch. Man gerät in einen Strudel aus Ängsten, ständiger Überforderung und Erschöpfung. Nicht ohne Grund beschreibt Selye diese Phase als „Erschöpfungsphase“. Hier können durch langanhaltende Hormonungleichgewichte und die dauernde Aktivierung unseres Sympathikus ernstzunehmende Erkrankungen auftreten, z.B. Magengeschwüre, Bluthochdruck, Herz- und Gefäßerkrankungen oder Depressionen.

Ein klares Ziel ist also immer das frühzeitige Erkennen von Stresssituationen und vor allem das entschlossene HANDELN, um niemals in chronische Stressprozesse zu kommen.

DAS ALTE SPIEL - GUT GEGEN BÖSE

Die meisten Ansätze und Modelle betonen die negativen Qualitäten von Stress. Dieser darf im Allgemeinen jedoch nicht als rein negativ verstanden werden. Stress war schon immer ein lebensnotwendiger Prozess in unseren Körpern, der unser Überleben sicherte, begonnen bei der Flucht-oder-Kampf-Reaktion in Urzeiten.

Die. Meisten von uns kennen Situationen, in denen wir uns beflügelt fühlen und aufgrund der Aufgabe zu neuen Höchstleistungen auflaufen. Wie kann man sich sonst sportliche Rekorde erklären? Oder den Stolz, wenn man ein schier unmögliches Projekt gemeistert hat? Und genau diese Situationen werden durch Stress ermöglicht. Man unterscheidet also zwei Arten von Stress.

A) EUSTRESS

Eustress führt zu einer notwendigen und vor allem positiv erlebten Aktivierung des Organismus. Wenn wir also eine neue Aufgabe ausführen, womöglich auch unter Zeitdruck, die uns Energie gibt und motiviert, kann Stress äußerst nützlich sein. Viele verstehen diese Situationen allerdings nicht als Stress, sondern als Spaß oder Herausforderung.

B) DISTRESS

Dies ist der Übeltäter und sorgt belastend. Er wirkt als schädlich aufgrund eines Übermaß der Anforderungen oder der falschen Bewältigungsstrategie. Die vorangegangenen Ausführungen beziehen sich vor allem auf diese Art von Stress.

Was ist also das Ziel?

Im Großen und Ganzen kann man das Ziel auf zwei Strategien festlegen. Zum einen müssen wir lernen, mit unseren alltäglichen Stressoren adäquat umzugehen und individuelle Bewältigungsstrategien zu erlernen. Das können Ressourcen (z.B. Weiterbildungen, neue Räumlichkeiten, etc.) sein, aber auch Kompetenzen (z.B. Führungskräftetraining, Atemtechniken, Bewertungsmuster und Glaubenssatz-Veränderungen) oder soziale Unterstützung (z.B. Kollegen und Mitarbeiter, Familie, Auszeiten etc.). An dieser Stelle kommen wir nicht um ein passendes Zitat herum:

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel richtig setzen“

Zum anderen haben die meisten in der heutigen Gesellschaft und anhand ihrer Anforderungen gelernt, dass positiv absolvierte Herausforderungen als Hebel für das persönliche Wohlbefinden dienen können. Erfolge müssen gefeiert werden, wenn auch nur im Stillen für sich allein. Aufgaben, die wir tagtäglich meistern müssen, sollten auch zu unserem Stärkenprofil passen, egal was in der Stellenbeschreibung steht. Wenn wir uns nur mit Aufgaben beschäftigen, die als negativ von uns bewertet werden, dann führt das auf lange Sicht zu Demotivation und chronischem Stress.

 

Wenn ihr wissen möchtet, wie wir auf das Thema Stress einwirken können, dann kontaktiert uns gern. Die Regulation von Stress und aktives Stressmanagement gehören zu unserem Portfolio und kann euch helfen, besser auf verschiedene Situationen und Stressoren zu reagieren. Wir freuen uns von euch zu hören!

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Dominik & Martin von EVEN

#timetogeteven

 

Foto von David Garrison von Pexels

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